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Zurück nach Europa

von | Mai 31, 2024 | Rotes Meer, Umbau

Endlich zurück nach Europa kommen“ – Das war seit Monaten die Stimme in meinem Kopf, die mir Motivation gab und mich antrieb!

Als ich mit meinem reparierten Mast zurück aufs Meer geschickt wurde war ich ganz schön aufgeregt! Der Wind traf mich, kaum war ich aus der geschützten Bucht ausgelaufen, natürlich deutlich stärker als vorhergesagt. Auch die Wellen kamen wie gewohnt steil und in kurzen Abständen auf mich und WASA zugerollt.

Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich gegen das gleißende Sonnenlicht zu schauen und die Bewegungen im Mast einzuschätzen. Auch die Markierungen auf meinen improvisierten Riggingteilen kontrollierte ich ständig.

Um das Material so wenig wie möglich zu belasten, aber trotzdem vorwärtszukommen, wählte ich eine kleine Besegelung (Groß im 2ten Reff & Starkwindfock an zweitem Vorstag) und ließ zusätzlich die Maschine laufen. So kreuzte ich gegen den Wind in Richtung Norden. In meiner Situation musste ich noch vorsichtiger sein und den Wetterbericht folgen: Unter keinen Umständen konnte ich in einen erneuten Sturm geraten!

Erst jetzt, wo ich wieder erholt bin, ist mir einmal klar geworden, wie müde und ausgelaugt ich damals eigentlich gewesen bin! 

Die endlosen Meilen im Golf von Aden, schlaflose Nächte zwischen Luftangriffen und Fischerbooten in Bab el Mandeb, gefolgt von Sturm, Mastbruch und fünf Tage langen Reparaturen im Militärhafen von Ägypten hatten meine Energievorräte ganz schön aufgebraucht!

Damals habe ich mich zwar über sie geärgert, aber so gesehen haben mir die verschiedenen Zwangsstopps, die ich auf dem Weg nach Suez einlegen musste, die benötigten Verschnaufpausen beschert: Etwa alle 50 Seemeilen Luftlinie gab es einen Ankerplatz, wo es erlaubt war, Schutz vor den starken Nordwinden zu suchen. Im Zick zack Kurs kreuzend, brauchte ich regelmäßig deutlich mehr als 24h für die eigentlich lächerlichen Strecken!

Ankern war zwar erlaubt, und der Schutz vor Wind und Wellen meistens sehr gut, aber an Land zu gehen war unter KEINEN Umständen eine Option! Nicht einmal das Dinghy durfte ich zu Wasser lassen. Ich konnte weder Einkaufen gehen noch Diesel besorgen. Das musste heimlich und auf Umwegen über hilfsbereite Fischer funktionieren.

Gerade das letzte Stück des Roten Meeres, der Golf von Suez hatte es in sich: Auf über 100 Seemeilen länge wird der Golf nicht breiter als 20 Seemeilen. (Karte) Der Wind beschleunigt zwischen den Steilen Küsten regelmäßig auf 30 Knoten oder mehr und das Wasser ist gespickt mit Ölfeldern und Bohrtürmen. In El Tur, ein Dorf am Fuße des Mount Sinai, also dort wo laut der Bibel Moses seine 10 Gebote empfangen hatte, lag ich sieben Tage lang vor Anker und wartete bevor sich der Wind kurz beruhigte.

Jede einzelne Meile war ein Kampf! Die Tage waren heiß, die Nächte kalt! Aber irgendwann – gegen drei Uhr morgens, erreichte ich meinen zugewiesenen Ankerplatz vor dem Suezkanal!

Der Suezkanal wurde bereits 1869 eröffnet (45 Jahre vor dem Panamakanal) und verbindet über etwa 80 Seemeilen das Rote Meer mit dem Mittelmeer. Im Gegensatz zu seinem Verwandten in Panama gibt es im Suezkanal keine Schleusen. Deshalb brauchte ich hier auch keine weiteren Linehandler an Bord, die mir bei der Durchfahrt halfen. Nur ein Pilot war auch hier Pflicht. Er kennt alle Besonderheiten des Kanals, gibt Anweisungen und hält unterwegs Kontakt zu den Kontrollstationen.

Ich war die ganze Zeit über in Kontakt mit meinem Agenten, der die Durchfahrt für mich organisierte. Deshalb ging es schon am nächsten Morgen, obwohl ich erst so spät angekommen war, schon um sechs Uhr in der Früh wieder weiter. Der Pilot kam an Bord: „Anker auf und volle Fahrt!“. Bis zur Zwischenstation in Ismalia waren es knapp unter 50 Meilen und wir hofften vor Sonnenuntergang anzukommen.

Ich schickte noch ein Stoßgebet in Richtung Motorraum, dann dampften wir los. Ich hatte im Vorhinein viele Geschichten über den Suezkanal gehört: „Starke Strömungen die einem das Leben schwer machen und Kanalpiloten die nur nach Bezahlung eines Bakschischs (Trinkgeld/ Bestechungsgeld) einen Gewissenhaften Job machen.

Die Strömung wird von den Gezeiten bestimmt. Sie stand in meinem Fall die ersten zwei Stunden mit bis zu 2.5 Knoten gegen an, drehte dann aber und wir rauschten mit durchschnittlich 5 Knoten Fahrt nach Norden.

Auch mit meinen Piloten hatte ich überhaupt gar kein Problem! Bakschisch wurde im Vorhergegangenen Jahr verboten und ich hatte viel mehr das Gefühl, dass der Pilot versuchte mich zu bestechen, so häufig wie er mir eine seiner Zigaretten oder Guttis anbieten wollte.

Den Yachthafen in Ismalia erreichten wir nicht ganz rechtzeitig. Als ich meine Leinen belegte, war es schon seit zwei Stunden dunkel und mein Pilot konnte es kaum erwarten von Bord zu springen. Der Hafen ist, ähnlich wie der Transitbereich an Flughäfen eine Sonderzone, und auch diese durften wir nicht einfach so verlassen.

Bill & Xixi von SY CAJUCITO und Uli, Barbara und John von SY ISLANDER, sowie drei andere Yachten die ich flüchtig kannte waren auch da!  Vor mehr als zwei Monaten waren wir mehr oder weniger gemeinsam auf den Malediven losgesegelt und trafen jetzt, am Ende einer unglaublichen Odyssee, auf der jeder seine ganz eigene Geschichte erlebt hat, am Tor zum Mittelmeer wieder zusammen!

Einkäufe und Essen musste man sich liefern lassen und „Auslauf“ zu den Sehenswürdigkeiten Agyptens wäre nur mit einem Haufen Papierkram, Agenten, Mietauto und in Begleitung des Sicherheitsdienstes möglich gewesen. Fünf Tage warteten meine Freunde und ich hier in unserem „fünf Sterne Gefängnis“ auf ein geeignetes Wetterfenster, um den zweiten Teil des Kanals und die letzte Etappe bis nach Zypern in Angriff zu nehmen.

Noch einmal drei Tage auf See, dann tauchten im Morgengrauen die Umrisse Zyperns auf! Noch nie hat Land so gut gerochen (feucht, nach Erde) und noch nie habe ich mich so sehr auf einen Spaziergang, ein Bier und tanzen gefreut, wie dieses Mal!

ENDLICH ZURÜCK IN EUROPA !!

Etwa fünf Tage verbrachte ich mit meinen Freunden in Larnaca, dann zog ich um nach Limassol, wo ich bei Limassol Shipyard einen Termin zum Auswassern ausgemacht hatte: Arbeiten am Unterwasserschiff und eine Neulackierung des Rumpfes über Wasser hatte ich schon seit langer Zeit geplant. Das dritte große Projekt war einen neuen Masten zu finden und zu installieren.

Ich hatte so früh wie möglich damit begonnen Nachforschungen anzustellen, wo ich in am besten einen gebrauchten Masten finden könnte, und hatte letztendlich vier Stück zur Auswahl. Der Mast, den ich von Demetris, Gründer von RELAX Cruises, angeboten bekam, war mit Abstand die beste Wahl!

Ich konnte den Mast mitsamt Großsegel und Rollfockanlage und mit nur kleinen Modifikationen auf meinem Boot stellen. Nur die Wanten und Stage muss ich noch neu ausmessen und pressen lassen und die richtigen Stellen für Winschen und Klampen finden.

Bei den restlichen Arbeiten am Boot hatte ich leider weniger Glück! Das Unterwasserschiff war in einem so desolaten Zustand, dass ich es bis auf die Glasfasern abschleifen musste. Die Versuche mit der Flex und groben Schleifpapier vorwärtszukommen, endeten mehr oder weniger verzweifelt. Letztendlich entschied ich mich, mir Hilfe zu holen und den Rumpf Sandstrahlen zu lassen. Das war wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, WASA überhaupt noch in dieser Saison ins Wasser zu bekommen.

Dennoch, bis ich das Boot wieder schwamm, arbeitete ich einen Monat lang auf Hochtouren. Zehn bis zwölf Stunden am Tag.  Dann war der Rumpf über Wasser geschliffen und neu lackiert und der Unterwasserbereich neu grundiert, eine Osmose Sperrschicht aufgebaut und Antifouling gestrichen. Als ich anfing von „Abtragen“ dazu überzugehen wieder Glasfaser und Farbe „aufzubauen“ zeigten sich die meisten auf dem Boatyard überrascht: Niemand hatte damit gerechnet, dass ich in weniger als drei Monaten fertig werde!

Über die Spenden in der Crowdfunding Kampagne auf GoFundMe und auf meiner Brotzeitkasse ist nach meinem Mastbruch ein ordentlicher Betrag zusammengekommen, der es überhaupt erst möglich gemacht hat, die Reparaturen in Angriff zu nehmen und einen neuen Mast zu finden.

Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch Mal bei allen Bedanken, die mich dabei unterstützt haben!

Jetzt bin ich seit gut einer Woche wieder im Wasser und habe gerade Besuch von zwei Freunden vom Ammersee. Während wir zusammen Urlaub machen und versuchen so wenig wie möglich an unsere Arbeit zu denken, versuche ich meine Tauchsachen zu verkaufen, um im Anschluss das Rigg, also die neuen Wanten fertigstellen lassen zu können.

Mit dieser Reise erfülle ich mir meinen Traum. Wenn auch du mich dabei unterstützen möchtest freue ich mich sehr über eine symbolische Einladung zu einer Brotzeit!

Vielen Dank!